Leben im Stigma?

Wenn mir etwas völlig fremd ist, dann ist es ein Leben im Stigma.

So richtig aufgefallen ist mir das heute beim Essenzubereiten für Henri und mich. So gab es Blumenkohl mit Pinienkernen und dazu Pesto. Das wars. Und wir sind super satt geworden. Viele würden jetzt wohl aufschreien, weil ich weder Fleisch noch eine Sättigungsbeilage dabei hatte. Ja, mag sein, aber für UNS passt es so. Hier gab es noch nie ein Essen nach Vorschrift. Ich habe mich noch nie nur an irgendwelche Empfehlungen von außen gehalten, sondern immer noch mein Bauchgefühl dazu eingeschaltet. Ich habe noch nie eine ganz normale Mahlzeit gekocht, bei der es Salzkartoffeln gehälftelt, dazu gekochte Möhrchen in Butter geschwenkt und ein gutes Stück geschmorten Braten mit Sauce gab.

NEIN! Das bin nicht ich. Ich bin da anders. Ich bin nicht grau und Standard.

Ich bin ich und ich bin bunt und mich macht genau das aus. Gestillt habe ich meine Kinder, solange wir es wollten und konnten. Sie schlafen bei mir im Familienbett, wie wir es schön finden. Wir essen, was wir brauchen und was uns schmeckt und das zu den Zeiten, wenn wir Hunger haben. Wie leben unser Leben in unserer kleinen Mama-Kinder-Familie, so wie es uns Spaß macht.

Ich liebe das Außergewöhnliche, ich mag manchmal die Extreme. Ich bin gern anders und gehe meinen Weg, auch wenn Standard oft eine gewisse Struktur und Sicherheit verspricht, die ich so liebe. Dennoch möchte ich immer noch ICH sein. Meinen Kopf mit all meinen Gedanken leben. Mich treiben lassen können, ohne dass mich jemand antreibt. Manchmal schwimme ich auf Wellen mit, wenn ich sie besonders schön finde. Ganz oft jedoch tauche ich von dort dann ab und entdecke meine wundervolle Unterwasserwelt, die nur mit meinen Augen so vielfältig gesehen werden kann.

Ich probiere gern Neues aus und widersetze mich gern den Wünschen und Ideen anderer, die der Meinung sind, sie wüssten es FÜR MICH besser. Ich bleib mir ganz nah. In meiner Mitte. Mich bekommt hier keiner mehr raus. Und wenn ich dafür Freunde verliere. Ich bin mir selbst der nächste. Gesund egoistisch mit einer riesen Portion Liebe und Herzlichkeit für alle Menschen um mich herum. Ich verteile gern Lächeln und mach gern Späßchen, die keiner versteht. Ich liebe es, Menschen zu begeistern und ich freue mich an ihrer Freude.

Zweifel bremsen mich manchmal und ich drehe eine extra Gedankenschleife, um mich wieder in Sicherheit zu wiegen. Bin dankbar für Wissensimpulse, die ich selbst in dem Moment noch nicht habe. Ich recherchiere gern, frage aber trotzdem gern die erfahrenen Fachleute.

Manchmal sprüht mein Geist nur so vor glitzernden und bunten Ideen und ich möchte gern alles auf einmal verwirklichen. Oft hilft eine schlaflose Nacht darüber zu schlafen und auch wenn ich am nächsten Tag wie gerädert bin, hat es mich auch ein stück geerdet.

Zurück zum Blumenkohl, der mir vorhin wieder einmal mehr verdeutlicht hat, wer ich bin. Danke du kostbares Gemüse. Danke für dein SEIN. Und danke, dass ich durch dich nun wieder mehr ich BIN.

Mein Leben im Umbruch

Manchmal gibt es Ereignisse im Leben, mit denen man überhaupt nicht rechnet und die einen vermeidlich völlig vom Weg abbringen. Da steht man dann da. Im Platzregen mit Donnergrollen über einem, sieht die Sonne nicht mehr und an einen Regenbogen ist nicht mal zu denken.

So ging es mir vor einiger Zeit und ich wusste nicht mehr weiter. Wie sollte ich diesen Weg weiter gehen? Wie sollte ich überhaupt laufen? Wie geht das? Woher die Kraft?

Wir alle waren ganz sicher schon mal an einem solchen Punkt. Bei jedem von uns sieht das anders aus. Jeder fühlt anders. Jeder führt ein ganz anderes Leben. Jeden schmeißt etwas anderes aus der Bahn. Mal mehr, mal weniger. Und dennoch stehen wir dann am Ende am gleichen Punkt. Nicht mehr weiter zu wissen.

So auch ich. Drei kleine Kinder an der Hand, ein ganzes Leben vor mir, vier ganze Leben vor mir. Da schwankte ich zwischen: alles hinschmeißen oder stark sein und fand die Erlösung irgendwo in der Mitte. In meiner Mitte.

Den egal wo du auch gerade stehst, am Ende liegt es an dir, was du daraus machst und wo du in dir deine neue Mitte finden wirst. Du kannst einiges dafür tun, denn das Leben geht unweigerlich weiter. Nur eben anders. Wir atmen weiter, nun jedoch tiefer und erlösender als vorher. Mich hat dieser Umbruch befreit, Horizonte geöffnet und neue Kreuzungen auf meinem Lebensweg kamen zum Vorschein. Ich hatte plötzlich wieder eine Wahl, wie ich mich entscheide. Ich hatte plötzlich wieder Rückenwind, der mich jetzt trägt.

Und nun finden sich ganz viele Dinge von allein. Ich habe Verantwortung übernommen und gleichzeitig etwas ganz entscheidendes losgelassen: die Kontrolle über mein Leben. Denn es ist wie es ist: wir leben von Tag zu Tag und ich kann nicht ändern, was morgen kommt. Ich kann nur JA zu dem sagen, was heute ist. Und ich kann nur das beeinflussen, was JETZT gerade eben passiert. Darin liegt meine Entscheidungskraft und ich setze diese gezielt ein.

Manchmal lasse ich mich treiben, um über die weiten Wiesen neben meinem Weg zu schauen. Manchmal setze ich mich hin und denke über mein Leben nach und begrabe das an diesem Ort Wegesrand, was ich mir vorgestellt habe. Immer wieder komme ich zu dem Sprichwort von John Lennon zurück:

“Leben ist das, was passiert,

während du eifrig dabei bist,

andere Pläne zu machen.“

Und es ist wirklich so. Alles, was ich mir für die Zukunftvorgestellt und gewünscht habe, ist einfach zerplatzt. Aber das bedingt sich schon aus sich selbst heraus. Allein schon die Vorstellung, was sein könnte, ist fiktiv, weshalb wir daran einfach nicht festhalten können. Das was gerade ist, das können wir halten und damit intensiv leben. Auch das, was vergangen ist, können wir lediglich in unserem Herzen als Erinnerung tragen und dem dankbar sein, was uns an dieses Hierundjetzt geführt hat. Denn alles hat seinen Grund. Alles war gewollt. Und auch, wenn etwas endet, hat dieses Etwas seine Bedeutung für unseres jetzige Leben.

Es kommt etwas unverhofftes, neues in unser Leben, wenn wir gar nicht damit rechnen und dann trifft es uns wie der Schlag, weil es so so schön ist.

Deshalb kann ich dich nur ermutigen, lass alles los, was kommen soll, denn es kommt sowieso anders, als du es dir denkst. Bleib an deinem Weg stehen, beobachte die Landschaft, genieße den Wind im Gesicht und die Wärme der Sonne auf deinem Körper. Setze dich gelegentlich hin und Träume, aber male dir kein falsches Bild vom Leben. Alles wird dich finden. Von ganz allein. Die schönsten Blumen tauchen unverhofft auf.

6 Monate zu fünft

Was hat sich verändert? Wo stehen wir im Vergleich zum Anfang? Was hat sich bewegt?

Oh, es ist so einiges anders geworden. Seit Hanna und Luis in den Kindergarten gehen und täglich 4 bzw. 6 Stunden nicht zu Hause sind, hat sich unser Alltag gedreht. In eine völlig losgelöste Struktur.

Auf der einen Seite finde ich das so überhaupt nicht gut. Nicht für mich und nicht für Henri. DENN: Eigentlich wollte ich Hanna und Luis in einer Kita anmelden, in der sie täglich bis 15 Uhr betreut sind, weil ich finde, dass auch Henri seinen geregelten Mittagsschlaf bekommen darf, wie ihn auch Hanna und Luis genießen konnten. 11:30 Uhr Mittagessen und 12 Uhr ins Bettchen. Schlafen bis 14 Uhr und weiter im Nachmittag. Das geht so hier alles nicht mehr. Montag, Mittwoch und Freitag sind Hanna und Luis bis 12:30 Uhr im Waldkindergarten und Dienstag und Donnerstag bis 14:30 Uhr. An den beiden längeren Tagen lege ich Henri (mich inklusive) immer ins Bett. Wir schlafen dann ein bis zwei Stunden und das tut uns richtig gut. An den anderen Tagen geht es nicht und ich bin froh, wenn wir spätestens 13:30 Uhr Mittagessen und sie dann eventuell spielen oder vielleicht auch ein bis zwei Folgen Pipi Langstrumpf schauen, während ich mich mit dem schlafenden Henri auf dem Arm auf unser zweites kleine Sofa setze. Wie lange kann das noch so gut gehen?

Auf der anderen Seite öffnet mir dieser neue Ablauf auch Möglichkeiten zum Umdenken. So bin ich doch in meinem Strukturdenken völlig eingefahren gewesen und sehe nun, dass es den Kindern auch ohne meine Struktur echt gut geht. Zumal Henri ja in 2,5 Jahren auch in diesen Waldkindergarten gehen wird und somit die Struktur nun schon kennenlernen wird.

Was hat sich noch getan? Zwischenmenschlich!

An das Gefühl, Henri wie eine Löwin zu beschützen, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Er ist ja nun auch nicht mehr so zerbrechlich, wie am Anfang und hält es schon mal aus, wenn die Geschwister mal etwas wilder knuddeln. Alles lasse ich trotzdem nicht zu und es gibt auch immer noch Momente, in denen ich ihn direkt aus der Situation auf den Arm nehme, weil es mir einfach wohler ist. Können doch 3 Jährige viele Gefahrensituationen noch überhaupt nicht einschätzen.

Zwischen den Zwillingen und mir wird es auch ganz langsam wieder entspannter. Ich habe das Gefühl, dass sie sich mir auch wieder mehr öffnen können. Mich mehr zu sich durchdringen lassen. Als ich mit Henri nach Hause kam, war das ja ziemlich heftig. Ablehnung und Traurigkeit machten sich breit Die erste Zeit zu Hause Und ich dachte ja nun nicht, dass es so lange dauern würde, bis es sich für mich wieder einigermaßen akzeptabel anfühlt Update: 6 Wochen zu Hause 

Der Kindergarten hilft uns dabei allerdings auch sehr. Sie erfahren eine unglaubliche Bereicherung für sich und ihre Entwicklung als eigenständiges Persönchen und ich habe etwas Zeit für mich am Vormittag, wenn Henri seine halbe Stunde schläft oder habe Zeit nur für ihn, wenn er wach ist.

Jeder hat hier in der Familie so seine Zeit gebraucht und ich habe dem auch ganz viel Raum gegeben, nicht zu oft drüber nachgedacht, es einfach fließen lassen. Ich denke, wir sind nun immer noch in diesem Prozess, in dem wir uns zu fünft finden und ich bin neugierig, wann es sich dann alles ganz rund anfühlt. Vielleicht zum 1. Geburtstag von Henri? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ich gelernt habe, dass jeder neue Mensch, der in eine Familie hinzu kommt, die Familienwaage erst einmal ins Wanken bringt und dass sich jeder die Zeit nehmen darf, sich neu zu finden, seinen Platz neu auszurichten, neue Perspektiven einzunehmen und neue Kraftmomente für sich zu entdecken. Und genau das macht eine kinderreiche Familie so lebenswert: es ist immer neuschöpfende Veränderung, bis man irgendwann ankommt. L E B E N