Gedanken

Stillen: 3 mal anders


Meine Stillgeschichte beginnt am 12.10.2014 ein paar Minuten nach der Geburt der Zwillinge. Nachdem klar war, dass sich Hannas Blutzucker nicht stabilisieren wird und sie auf die Intensivstation verlegt werden muss, nutzte meine Hebamme diese letzten wertvollen Minuten, die Hanna und Luis noch nackt und feucht auf meinem Bauch lagen. Zu meiner Überraschung fing sie plötzlich an, so ganz ohne Vorwarnung, an meinen Brustwarzen rumzukneten und zu drücken. Ich wusste nicht, was mir geschieht. Immer wieder nahm sie die Köpfchen in die Hand und zeigt ihnen die süße Milch. Luis konnte nicht gut andocken, Hanna hingegen trank wie eine Weltmeisterin. Kurz nach diesem Erfolg war sie auch schon weg auf Intensivstation und ich mit Luis plötzlich ganz alleine im Kreissaal, der eine halbe Stunde zuvor noch mit zahlreichen Personen gefüllt war. Alle zusammen 8 Erwachsene und mittenrein wurden ebendann zwei Minimenschlein geboren.
Nun gut. Die Stunden verstrichen, die Stillberaterinnen kamen. Ich pumpte fleißig ab, legte beide immer mal wieder an. Niemand trank so recht. Luis konnte nicht richtig andocken, warum erfuhr ich erst eineinhalb Jahre später. Und Hanna schlief immer wieder ein, nachdem sie ein paar ermüdende Züge nahm. Beide gleichzeitig am Busen war echt eine Herausforderung. Links immer wieder andocken, rechts am Wachhalten und zwischendurch immer wieder pumpen, pumpen, pumpen. Anfangs 3ml mit dem Ziel, die Milchproduktion täglich zu steigern. Der Milcheinschuss kam schon brav am 3. Tag, ich hatte gefüllte Brüste, aber trinken konnte keiner direkt. Also alles per Fläschchen. Meine Hebamme zu Hause beruhigte mich mit den Worten: „Das bekommen wir schon hin.“ Ich vertraute.

Zu Hause angekommen, das gleiche Spiel. Die Hebamme kam, legte beide an und es begann von vorn. Links Andocken ohne Erfolg, rechts schlief alles. Also pumpte ich weiter und fütterte mit dem Fläschchen. Beide wuchsen und gedeihten und das war für mich wirklich das wichtigste. Mit den Zwillingen war ich eh so im Organisations- und Strukturaufbau, dass mir das alles gut in den Kram passte. Ich pumpte nach der Uhr und ich fütterte nach der Uhr und gut. Es gelang so ganz gut. Keiner hatte zwischendurch Hunger. Alles war wunderbar getimed.

Die 8 Wochen Elternzeit meines Mannes verstrichen und ich konnte mir nicht vorstellen, das alles allein durchzustehen. Also entschieden wir, abzustillen. Nach einer Woche Pfefferminz- und Salbeitee waren meine Brüste leer und mein Unterbewusstsein klopfte immer wieder leise ein „Du hast versagt.“ Während der Kopf lauter sagte „Es ist in Ordnung.“ Was mein Herz sagte, wollt ihr besser nicht wissen.

So blieb es dabei. Wir fütterten ab da an Pulvermilch, die Mäuse schliefen von 23 bis 6 Uhr durch und gut wars. Soviel zum „Stillen“ (wohl besser Nahrungsaufnahme) der Zwillinge.

Dann kam Henri.

Alles anders. Andere Hebamme. Andere Tageszeit. Der Geburt. Andere Möglichkeiten. Henri wurde nachts geboren (hier findet ihr den Geburtsbericht), sodass viel Zeit blieb, dem kleinen Mensch seine Zeit zu lassen. Ich ließ ihn von selbst die Brustwarze suchen und unterstützte ihn nur leicht, da er doch sehr klein und noch eher schwach war. Die Hebamme hielt sich sorgsam raus und so konnten wir die nächtliche Zeit wunderbar und sogar eine Stunde länger im Kreissaal genießen. Auch wenn Henri am nächsten Tag ebenfalls wie Hanna damals auf die Intensivstation musste, konnte ich mich rund um die Uhr um ihn kümmern, da ich ja nicht noch ein zweites Baby hatte. Das war Gold wert. So verbrachte ich jede Stillmahlzeit bei ihm, legt ihn erst an und stillte den restlichen Hunger mit Muttermilch oder ausnahmsweise auch mit Pulvermilch danach per Fläschchen. Nachdem wir zu Hause waren, machte ich viel intuitiv. Irgendwann nach ein paar Tagen ließ ich die Muttermilch per Fläschchen weg und stillte ihn ausschließlich an der Brust. Das klappte ganz hervorragend und er schaffte es somit seither jede Woche knapp 250 Gramm zuzunehmen. Ich habe keine Ahnung, wie lange das so noch gehen soll 🙂

Was ist nun vom Gefühl her anders bei Henri?

Ja, irgendwie kann ich ihn und seine Körpersprache, seine Laute, sein Weinen viel besser lesen. Ich weiß, wann er Hunger hat, wann er die Windel voll hat, wann ihm kalt ist, wann er Bauchschmerzen hat, wann er kuscheln will. Das ist doch enorm, oder? Bei Hanna und Luis wusste ich ALL DAS nie!!! Deshalb kann ich auch nicht von Erfahrung sprechen. Die Bindung ist einfach enger, er ist mir näher. Das macht mir manchmal Angst, da mein Gerechtigkeitssinn sagt: „Hey, du liebst die drei nicht gleich.“ Aber dann halte ich inne und weiß, dass es nicht die Liebe ist, die sich durchs Stillen oder Nichtstillen unterscheidet. NEIN. Es ist viel mehr die Achtsamkeit, welche Mutter Natur uns in die Wiege gelegt hat. Und JA, ich kann sagen, dass ich diese Achtsamkeit bei Hanna und Luis eben nicht hatte. Dieses kleine feine Still-Band gab es eben einfach nicht. Nicht zuletzt, weil sie bei der Nahrungsaufnahme durch das Fläschchen „nur“ vor mir lagen und ich im Schneidersitz sitzend beide Flaschen gleichzeitig hielt. Klar ist es näher, wenn man das Baby im Arm hält während man das Fläschchen gibt, aber bei uns ging es eben nicht anders. Es war eine Herausforderung. Jeden Tag.

Und nun? Nun genieße ich das alles mit Henri, was ich damals bei Luis und Hanna so schmerzlich vermisst habe. Ich bin so unendlich glücklich, dass Henri von der ersten Minute an so gut stillt und mir damit ein sehr großes Geschenk macht. Und ich bin auch neugierig, ob sich diese Mama-Kind-Beziehung in Zukunft anders entwickelt. Ich werde berichten.

 

Nachtrag: Luis konnte deshalb nicht andocken, weil sein Zungenbändchen zu kurz ist. Er kann bis heute die Zunge nicht so weit hinaus strecken. Und nur dadurch fiel es mir irgendwann auf.

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